Die meisten religiösen Traditionen stimmen darin überein, dass hinter dem Universum etwas Letztes existiert. Die schwierigere Frage — die selten direkt gestellt wird — ist, warum dieses „Etwas” genau eines sein sollte, statt vieler Götter, einer unpersönlichen Kraft oder gar nichts. Der Islam behandelt dies nicht als Nebensächlichkeit. Es ist der eine Anspruch, auf dem alles andere in der Religion ruht.

Die Frage hinter der Frage

Wenn jemand fragt „warum ein Gott?”, fragt er meist eigentlich zwei Dinge: warum überhaupt an Gott glauben, und — wenn man es tut — warum darauf bestehen, dass es nur einer ist statt mehrerer oder einer Hierarchie göttlicher und halbgöttlicher Wesen, wie es viele antike und moderne Traditionen vorgeschlagen haben. Der Islam nimmt die zweite Frage genauso ernst wie die erste, denn für Muslime formt das, wie man Gott versteht, alles andere daran, wie man lebt und Gottesdienst hält.

Tawhid: der zentrale Anspruch des Islam

Der arabische Begriff dafür ist Tawhid — die Bekräftigung, dass Gott absolut eins ist, ohne Partner, ohne Ebenbürtigen und ohne Teilung. Am prägnantesten wird dies in einem der kürzesten und meistauswendiggelernten Kapitel des Quran gefasst:

"Sag: Er ist Allah, Einer, Allah, der Überlegene. Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm jemals gleich."

— Quran 112:1-4 (Bubenheim & Elyas)1

Jede andere islamische Lehre — die Fünf Säulen, die sechs Glaubensgrundsätze, islamische Ethik — ist, im klassischen Verständnis, eine Ausarbeitung dieses einen Anspruchs. Tawhid gilt als das bestimmende Zentrum der islamischen Theologie, der Punkt, von dem alles andere ausgeht.678

Die Argumentation des Quran für einen Gott

Der Quran behauptet die Einheit Gottes nicht einfach; er argumentiert für sie. Ein wiederkehrendes Argument betrifft die Stimmigkeit des Universums selbst: Ein Kosmos, der von konsistenten, erkennbaren Gesetzen regiert wird, sieht aus wie das Werk eines einzigen Willens, nicht konkurrierender.

"Wenn es in ihnen beiden [d.h. den Himmeln und der Erde] andere Götter als Allah gäbe, gerieten sie (beide) wahrlich ins Verderben. Preis sei Allah, dem Herrn des Thrones! (Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) zuschreiben."

— Quran 21:22 (Bubenheim & Elyas)2

Eine verwandte Passage macht denselben Punkt konkreter: Mehrere unabhängige Schöpfer würden um das konkurrieren, was jeder von ihnen geschaffen hat, und der entstehende Konflikt würde die Schöpfung zerreißen statt sie zu erhalten.

"Allah hat Sich keine Kinder genommen, und keinen Gott gibt es neben Ihm, sonst würde fürwahr jeder Gott das wegnehmen, was er erschaffen hat, und die einen von ihnen würden sich den anderen gegenüber wahrlich überheblich zeigen. Preis sei Allah, (und Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) zuschreiben,"

— Quran 23:91 (Bubenheim & Elyas)3

Ein zweites Argument appelliert nicht an die Kosmologie, sondern an die menschliche Natur. Der Quran beschreibt eine angeborene Veranlagung, oder Fitrah, die in jeden Menschen eingebaut ist — eine ursprüngliche Neigung, einen Schöpfer zu erkennen, noch bevor irgendeine Kultur oder Erziehung sie anderweitig formt:

"So richte dein Gesicht aufrichtig zur Religion hin als Anhänger des rechten Glaubens, - (gemäß) der natürlichen Anlage Allahs, in der Er die Menschen erschaffen hat. Keine Abänderung gibt es für die Schöpfung Allahs. Das ist die richtige Religion. Aber die meisten Menschen wissen nicht."

— Quran 30:30 (Bubenheim & Elyas)4

Ein drittes Argument befasst sich mit einem sehr menschlichen Impuls: dem Wunsch nach Vermittlern — Heiligen, Götzen oder geringeren geistigen Wesen —, die die Gebete eines Menschen „näher” zum letztendlichen Gott tragen könnten. Der Quran benennt und weist diese Überlegung direkt zurück:

"Sicherlich, Allah gehört die aufrichtige Religion. Diejenigen aber, die sich anstatt Seiner Schutzherren nehmen (, sagen:) Wir dienen ihnen nur, damit sie uns Zutritt in Allahs Nähe verschaffen -..."

— Quran 39:3 (Bubenheim & Elyas)5

Die Antwort des Islam ist, dass überhaupt kein Vermittler nötig ist: Gott wird an anderer Stelle im Quran als einem Menschen näher beschrieben „als seine Halsschlagader”, was jeden Mittler überflüssig statt hilfreich macht.

Was Tawhid in der Praxis verändert

Tawhid ist nicht bloß eine abstrakte Lehre; es formt das tägliche religiöse Leben um. Weil es einen Gott gibt und keine Vermittlerklasse zwischen Ihm und den Menschen steht, hat der Islam keinen geweihten Klerus oder Priesterstand, der ermächtigt wäre, Sünden zu vergeben oder im Namen eines anderen Zugang zu Gott zu gewähren. Jeder erwachsene Muslim kann beten, den Quran rezitieren und andere im Gebet leiten. Dies verleiht dem islamischen Gottesdienst einen auffallend direkten, unvermittelten Charakter: Jeder Mensch steht in derselben Beziehung zu Gott wie jeder andere, mit demselben Zugang und derselben Verantwortung.

Eine ehrliche Anmerkung zu Glaube und Vernunft

Nichts davon wird als mathematischer Beweis angeboten, der Glauben allein durch die Kraft der Logik erzwingen würde. Die Argumente des Quran werden am besten als Gründe verstanden, die den Glauben an einen Gott stimmig und überzeugend machen für jemanden, der ehrlich über das Universum und die eigene Natur nachdenkt — nicht als Ersatz für den Sprung des Glaubens, den jede theologische Verpflichtung letztlich beinhaltet. Muslime halten fest, dass Glaube und Vernunft hier zusammenwirken, jeder das andere verstärkend, statt zu konkurrieren.

Wie es weitergeht: Tawhid ist der erste der sechs Glaubensgrundsätze, die den islamischen Glauben strukturieren, und beantwortet direkt die verwandte Frage, Beten Muslime einen anderen Gott an?